Die Grenze zwischen lebender Materie und Maschine verschwimmt zunehmend. Während Ingenieure jahrzehntelang versucht haben, biologische Systeme nachzuahmen – von neuronalen Netzen nach dem Vorbild des Gehirns bis zu vierbeinigen Laufrobotern nach dem Modell von Hunden – geht eine neue Generation von Forschern einen radikalen Schritt weiter: Sie bauen Roboter nicht mehr nach biologischen Vorbildern, sondern aus biologischem Material selbst. Das jüngste Ergebnis dieser Bemühungen sind sogenannte “Neurobots” – lebende Zellverbände mit funktionsfähigen Nervensystemen.

Vom Xenobot zum Neurobot

Die Geschichte dieser bio-hybriden Systeme beginnt 2020, als das Team um den Tufts-Biologen Michael Levin erstmals “Xenobots” vorstellte. Diese aus Froschzellen konstruierten Mikroorganismen waren bereits bemerkenswert: Sie konnten sich durch Wasser bewegen, tagelang ohne zusätzliche Nährstoffe überleben, sich selbst reparieren und sogar replizieren, indem sie lose Stammzellen einsammelten. All das erreichten sie ohne genetische Manipulation oder künstliche Gerüststrukturen.

Der entscheidende Durchbruch, der nun in der Fachzeitschrift “Advanced Science” veröffentlicht wurde, liegt in der Integration funktionsfähiger Nervensysteme. Während die ersten Xenobots im Wesentlichen durch mechanische Prozesse gesteuert wurden – haarähnliche Zilien erzeugten Bewegung durch koordiniertes Schlagen – verfügen Neurobots über ein echtes neuronales Netzwerk, das elektrochemische Signale zwischen Zellen weiterleitet und eine neue Ebene der internen Kontrolle ermöglicht.

Technische Grundlagen der Neurobots

Die Konstruktion dieser lebenden Maschinen beginnt mit Stammzellen aus Froschgewebe. Im Unterschied zu früheren Generationen enthalten Neurobots jedoch teilweise differenzierte Stammzellen, die sich zu Neuronen entwickeln. Diese Nervenzellen reifen neben strukturellem Gewebe heran und bilden verzweigte Verbindungen durch den gesamten Organismus.

Unter dem Mikroskop erscheinen Neurobots als unregelmäßige, durchscheinende Gewebeklumpen. Doch ihre koordinierten Bewegungen offenbaren eine emergente Ordnung, die in der natürlichen Welt ohne Beispiel ist. “Diese Dinge kommen nicht natürlich vor”, erklärt Carlos Gershenson, Computerwissenschaftler an der Binghamton University. “Sie sind aus natürlichen Zellen gebaut, aber wir sind diejenigen, die sie anordnen.”

Das Besondere an Neurobots ist ihre Fähigkeit, neuronale Aktivität mit physischem Verhalten zu verknüpfen. Anders als Gehirn-Organoide oder Lab-on-a-Chip-Technologien bewegen sich Neurobots frei, erkunden ihre Umgebung und reagieren auf äußere Reize. Ihr Bewegungsmuster unterscheidet sich deutlich von nicht-neuronalen Xenobots: Sie verbringen weniger Zeit im Ruhezustand, zeigen komplexere Bewegungsmuster mit Schleifen und Spiralen statt einfacher Trajektorien und reagieren unterschiedlich auf neuroaktive Substanzen.

Die Selbstorganisation des Nervensystems

Eine der faszinierendsten Fragen, die Neurobots aufwerfen, betrifft die spontane Entstehung funktionaler Strukturen. Die Nervenzellen in diesen Systemen werden nicht von außen verdrahtet – sie organisieren sich selbst zu funktionsfähigen Schaltkreisen. Dieser Prozess der Selbstorganisation wirft grundlegende epistemologische Fragen auf: Woher kommen Form und Funktion, wenn sie weder durch Evolution noch durch gezielte Entwicklung entstanden sind?

Haleh Fotowat, Neuroingenieurin am Wyss Institute der Harvard University und Mitautorin der Studie, betont den frühen Entwicklungsstand der Forschung: “Wir sind noch sehr am Anfang, was das Verständnis des Systems und seiner Fähigkeiten betrifft.” Doch genau darin liegt das Potenzial. Sobald die Wissenschaftler verstehen, wie sich Neurobots selbst organisieren, könnten sie beginnen, darauf aufbauend gezielt zu entwickeln.

Das Bewegungsverhalten der Neurobots ist nicht zufällig, sondern zeigt Muster, die auf interne Entscheidungsprozesse hindeuten. Die Integration von Sinnesinformationen über den gesamten Körper und die dynamische Steuerung von Aktionen stellen einen qualitativen Sprung gegenüber einfacheren biologischen Maschinen dar. Während Bakterien, Protisten oder Pilze ebenfalls auf chemische Reize reagieren und sogar Spuren vergangener Erfahrungen speichern können, ermöglicht das Nervensystem der Neurobots eine neue Form der Verhaltensflexibilität.

Von Froschzellen zu menschlichen Anthrobots

Parallel zur Entwicklung der Neurobots arbeitet Levins Team an “Anthrobots” – biologischen Maschinen, die aus menschlichen Lungenzellen konstruiert werden. Der nächste logische Schritt besteht darin, auch diesen menschliche Nervenzellen hinzuzufügen und so das Neurobot-Konzept in einen vollständig humanen Kontext zu übertragen.

Das langfristige Ziel ist es, diese lebenden Maschinen zu konditionieren und zu trainieren. Ähnlich wie Spürhunde darauf trainiert werden, Sprengstoffe zu erschnüffeln, könnten Neurobots möglicherweise lernen, ihr Verhalten auf vorhersagbare Weise anzupassen. “Die Hoffnung wäre, dass man sie lehren oder trainieren könnte, das zu tun, was man von ihnen möchte”, erklärt Josh Bongard, Robotikforscher an der University of Vermont.

Praktische Anwendungen und kommerzielle Perspektiven

Die theoretischen Durchbrüche sind beeindruckend, doch welche praktischen Anwendungen ergeben sich daraus? Das von Levin und Bongard mitgegründete Startup Fauna Systems konzentriert sich zunächst auf Umweltsensorik. Die Technologie könnte in der Aquakultur, bei der Abwasserüberwachung oder zur Schadstoffdetektion eingesetzt werden.

Die Idee basiert auf der Fähigkeit der Xenobots, multiple Signale zu integrieren. Wenn sie auf eine Mischung von Stressfaktoren treffen – etwa erhöhte Schwermetallkonzentrationen, pH-Verschiebungen oder Spuren landwirtschaftlicher Abwässer – könnten ihre kollektiven Verhaltensänderungen ein sensitives Echtzeitsignal liefern, dass etwas in der Umwelt nicht stimmt.

Ein Vorbild für diesen Ansatz existiert bereits: In vielen polnischen Städten werden Süßwassermuscheln als lebende Wächter der Wasserqualität eingesetzt, ausgestattet mit Sensoren, die registrieren, wenn die Tiere ihre Schalen als Reaktion auf Schadstoffe schließen. Xenobots könnten dieses Konzept erweitern und durch die Integration multipler Umweltreize möglicherweise größere Sensitivität und Spezifität bieten.

CEO Naimish Patel betont jedoch, dass zunächst einfachere, nicht-neuronale Xenobots im Fokus der Produktentwicklung stehen. “Im Moment suchen wir nach der Schnittstelle zwischen ungedecktem kommerziellem Bedarf und aufkommender Fähigkeit.”

Ethische Dimensionen und offene Fragen

Die Entwicklung von Neurobots wirft unweigerlich ethische Fragen auf. Wenn biologische Systeme mit Nervensystemen geschaffen werden, die sich selbst organisieren und auf ihre Umwelt reagieren – an welchem Punkt beginnt so etwas, Empfindungsfähigkeit zu entwickeln? Die synthetische Biologin Kate Adamala von der University of Minnesota, die nicht an der Forschung beteiligt war, zeigt sich beeindruckt: “Das ist wirklich erstaunlich! Das bringt die Ingenieurskomponente in die Biotechnik.”

Die technischen Herausforderungen bleiben erheblich. Die Lebensdauer der Systeme ist begrenzt, ihre Verhaltensweisen sind noch nicht vollständig verstanden, und die Skalierbarkeit muss erst demonstriert werden. Dennoch markieren Neurobots einen Paradigmenwechsel in der Robotik: Die Zukunft könnte nicht in immer besseren Imitationen der Natur liegen, sondern in der direkten Nutzung biologischer Bausteine für technische Zwecke.

Die Frage ist nicht mehr nur, wie gut wir das Leben nachahmen können, sondern wie geschickt wir es neu kombinieren können – und welche Verantwortung mit dieser Fähigkeit einhergeht.