Die Grenze zwischen Maschine und Organismus verschwimmt zunehmend. Während Ingenieure traditionell versucht haben, biologische Funktionen nachzuahmen – von künstlichen neuronalen Netzen bis zu vierbeinigen Laufrobotern –, beschreiten Forscher nun einen radikal anderen Weg: Sie bauen Roboter aus lebendigen Zellen. Das jüngste Ergebnis dieser Forschungsrichtung sind sogenannte Neurobots, biologische Maschinen mit funktionsfähigen Nervensystemen, die sich selbstständig organisieren und koordiniert bewegen können.

Vom Xenobot zum Neurobot

Die Entwicklung dieser lebenden Roboter begann 2020, als Forscher um den Biologen Michael Levin von der Tufts University erstmals Xenobots präsentierten. Diese Konstrukte bestanden aus Zellclustern, die aus Froschgewebe gewonnen und außerhalb ihres natürlichen Entwicklungskontexts kultiviert wurden. Unter dem Mikroskop erscheinen sie als unregelmäßige, durchscheinende Gewebestrukturen, doch ihre koordinierten Bewegungen offenbaren eine emergente Ordnung, die in der Natur nicht vorkommt.

Die ersten Xenobots verfügten hauptsächlich über einen einzigen Strukturzelltyp und bewegten sich mithilfe schlagender zilienartiger Fortsätze durch das Wasser. Trotz ihrer einfachen Konstruktion zeigten sie erstaunliche Fähigkeiten: Sie überlebten tagelang ohne zusätzliche Nährstoffe, reparierten kleinere Schäden selbstständig und konnten sich sogar replizieren, indem sie spontan lose Stammzellen aufsammelten – all dies ohne künstliche Gerüstmaterialien oder genetische Manipulation.

Doch diese erste Generation war im Wesentlichen mechanisch gesteuert. Ihre Bewegungen resultierten aus Anatomie und Physik, nicht aus etwas, das man als interne Kontrolle bezeichnen könnte. Zwar konnten sie chemische Signale wahrnehmen und entsprechend die Richtung ändern, doch fehlte ihnen die Fähigkeit, Informationen über den gesamten Körper hinweg zu integrieren und ihre Aktionen dynamisch zu steuern.

Die Entwicklung eines biologischen Nervensystems

Hier setzen die Neurobots an, die im März in der Fachzeitschrift Advanced Science vorgestellt wurden. Wie ihre Vorgänger basieren sie auf Froschzellen, sind nun aber mit Neuronen ausgestattet, die aus teilweise differenzierten Stammzellen heranreifen. Diese Nervenzellen entwickeln sich zusammen mit den strukturellen Geweben und bilden verzweigte Verbindungen durch den gesamten biologischen Organismus. Dadurch können sie elektrochemische Signale von Zelle zu Zelle weiterleiten.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Labormodellen des Nervensystems – etwa Gehirnorganoiden oder Lab-on-a-Chip-Technologien – liegt in der Mobilität. Neurobots schwimmen, erkunden ihre Umgebung und reagieren auf ihre Umwelt auf eine Weise, die elektrische Signalübertragung mit beobachtbarem Verhalten verknüpft. Ihre Bewegungsmuster unterscheiden sich deutlich von denen ihrer nicht-neuralen Gegenstücke: Sie verbringen weniger Zeit im Ruhezustand und mehr Zeit mit Erkundung. Statt einfacher Trajektorien zeichnen sie schleifenförmige und spiralförmige Pfade nach. Auch auf neuroaktive Substanzen reagieren sie anders.

Diese Verhaltensunterschiede deuten darauf hin, dass das Nervensystem tatsächlich funktionsfähig ist und die Bewegungen der Neurobots koordiniert. Haleh Fotowat, Neuroingenieurin am Wyss Institute for Biologically Inspired Engineering der Harvard University, die an der Studie mitarbeitete, sieht darin großes Potenzial: Sobald die Wissenschaftler verstehen, wie sich die Neurobots selbst organisieren, könnten sie diese Prinzipien nutzen, um vorhersehbarere biologische Funktionen zu erzeugen.

Grundlagenforschung mit weitreichenden Implikationen

Die Neurobots werfen fundamentale Fragen über die biologische Organisation auf. Woher kommen Form und Funktion ursprünglich? Was passiert, wenn ein System weder durch Evolution geformt noch technisch konstruiert wurde? Diese lebenden Maschinen bieten ein einzigartiges Modellsystem, um solche Fragen zu erforschen – sowohl bei Frosch- als auch bei menschlichen Konstrukten.

Tatsächlich arbeitet Levins Team bereits an Anthrobots, die aus Clustern menschlicher Lungenzellen statt aus Froschgewebe bestehen. Der nächste Schritt besteht darin, auch hier menschliche Nervenzellen zu integrieren und das Neurobot-Konzept in einen vollständig menschlichen Kontext zu übertragen. Durch weitere Konditionierung und gezieltes Training könnten diese lebenden Maschinen lernen, ihr Verhalten vorhersehbar anzupassen – ähnlich wie Hunde darauf trainiert werden können, Sprengstoff aufzuspüren.

Anwendungspotenziale in Medizin und Umweltschutz

Die potenziellen Anwendungsbereiche dieser Technologie sind vielfältig. In der Medizin könnten Neurobots präzise Gewebereparaturen durchführen oder als intelligente Arzneimittelträger fungieren, die auf spezifische biologische Signale reagieren. Ihre Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und auf ihre Umgebung zu reagieren, macht sie zu idealen Kandidaten für regenerative Medizin.

Das kommerziell ausgerichtete Startup Fauna Systems, das von Levin und seinem Kollegen Josh Bongard mitgegründet wurde, zielt zunächst auf Umweltüberwachungsanwendungen ab. Die Xenobots könnten in Bereichen wie Aquakultur, Abwasserüberwachung und Schadstofferkennung eingesetzt werden, wo ihre Fähigkeit, mehrere Signale zu integrieren, einen Frühindikator für die Gesundheit von Ökosystemen liefern könnte.

In Polen nutzen bereits viele Städte Süßwassermuscheln als lebende Wächter der Wasserqualität – mit Sensoren ausgestattet, die registrieren, wenn die Tiere ihre Schalen bei Schadstoffkontakt schließen. Xenobots könnten dieses Konzept erweitern und möglicherweise eine größere Empfindlichkeit und Spezifität bieten, indem sie mehrere Umweltsignale in einer einzigen messbaren Verhaltensreaktion integrieren. Neurobots mit ihren komplexeren neuronalen Netzwerken könnten diese Fähigkeit zur Verschmelzung von Sensorik und Informationsverarbeitung noch weiter vorantreiben.

Ethische Dimensionen und technische Herausforderungen

Die Entwicklung von Robotern aus lebenden Zellen wirft jedoch auch grundlegende ethische Fragen auf. Wo verläuft die Grenze zwischen Maschine und Lebewesen? Welchen moralischen Status haben solche künstlich geschaffenen Organismen? Diese Fragen werden umso drängender, je komplexer diese Systeme werden und je mehr sie mit menschlichem Gewebe arbeiten.

Aus technischer Sicht bleiben erhebliche Hürden bestehen. Die Lebensdauer der aktuellen Generationen ist begrenzt, ihre Verhaltensweise noch nicht vollständig vorhersagbar, und die Skalierbarkeit der Produktion stellt eine große Herausforderung dar. Dennoch konzentriert sich Fauna Systems zunächst auf die einfacheren, nicht-neuralen Versionen, bei denen die Schnittstelle zwischen ungedecktem kommerziellem Bedarf und entstehender Fähigkeit bereits vielversprechend ist.

Ausblick: Die Zukunft biologischer Maschinen

Die Entwicklung von Neurobots markiert einen Paradigmenwechsel in der Robotik. Statt die Biologie zu imitieren, integrieren Ingenieure nun lebende Materie direkt in ihre Konstruktionen. Diese Verschmelzung von biologischen und technischen Systemen eröffnet Möglichkeiten, die mit herkömmlichen Ansätzen nicht erreichbar wären: selbstreparierende Systeme, adaptive Verhaltensweisen und eine natürliche Biokompatibilität.

Synthetikbiologin Kate Adamala von der University of Minnesota bringt die Bedeutung dieser Entwicklung auf den Punkt: Dies bringe die ingenieurwissenschaftliche Komponente tatsächlich in das Bioengineering ein. Die Neurobots stellen nicht nur eine technologische Innovation dar, sondern auch ein neues Werkzeug, um fundamentale Fragen über die Entstehung von Komplexität, Selbstorganisation und das Wesen des Lebens selbst zu erforschen.

In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob diese lebenden Maschinen ihr Versprechen einlösen können. Die technischen, regulatorischen und ethischen Herausforderungen sind beträchtlich. Doch die bisherigen Fortschritte deuten darauf hin, dass wir am Beginn einer neuen Ära stehen – einer Ära, in der die Grenzen zwischen dem Lebendigen und dem Konstruierten zunehmend verschwimmen und neue Formen von Intelligenz und Funktionalität entstehen, die weder rein biologisch noch rein technisch sind.