Die technologische Entkopplung zwischen den USA und China erreicht eine neue Dimension: Nachdem bereits Drohnen, Halbleiter und Telekommunikationsausrüstung im Visier amerikanischer Sicherheitspolitik standen, rücken nun auch Robotersysteme in den Fokus geopolitischer Spannungen. Der im März 2026 eingebrachte American Security Robotics Act markiert einen weiteren Meilenstein in der amerikanischen Strategie zur Tech-Souveränität – mit weitreichenden Konsequenzen für die globale Robotikbranche.
Von Routern zu Robotern: Die Ausweitung der Sicherheitsbedenken
Der bipartisan unterstützte Gesetzesentwurf, eingebracht von Senator Tom Cotton, Mehrheitsführer Chuck Schumer und Abgeordneter Elise Stefanik, zielt darauf ab, die Nutzung chinesischer Bodenroboter durch US-Regierungsbehörden zu beschränken. Dies umfasst humanoide Roboter, vierbeinige Systeme und Crawler-Roboter. Die Maßnahme folgt auf die verschärften FCC-Regelungen für ausländische Router und reiht sich ein in eine zunehmend umfassende Liste betroffener Technologien.
Diese Liste liest sich mittlerweile wie ein Querschnitt durch die moderne Technologielandschaft: Halbleiter, Hafenkräne, Logistikdaten, Telekommunikationsinfrastruktur, Überwachungskameras, Fahrzeuge und seit Dezember 2025 auch unbemannte Luftfahrtsysteme. Kyle Chan vom Brookings Institute, der im April 2026 vor dem Congressional Select Committee on Strategic Competition aussagte, betrachtet Roboter und Router als jüngste Beispiele wachsender Sicherheitsbedenken gegenüber chinesischer Technologie.
Das Paradox der amerikanischen Robotikindustrie
Die Situation der US-Robotikbranche ist komplex und in gewisser Weise widersprüchlich. Unternehmen wie Ghost Robotics könnten kurzfristig profitieren, da sie zu den wenigen Firmen gehören, die die Nachfrage nach Bodenrobotern von US-Regierungskäufern bedienen können. Doch hier offenbart sich ein grundlegendes Dilemma: Bodenroboter sind Endprodukte am oberen Ende der Wertschöpfungskette, während ihre Komponenten häufig aus verschiedenen asiatischen Ländern stammen.
Sollte sich das vorgeschlagene Verbot auch auf chinesische Komponenten erstrecken, könnten amerikanische Roboterhersteller Schwierigkeiten bekommen, die heimische Nachfrage zu decken. Die Industrie befindet sich in einer Zwickmühle: Einerseits würde die Elimination chinesischer Wettbewerber auf ihrer Ebene der Wertschöpfungskette helfen, andererseits sind sie auf chinesische Zulieferer angewiesen. Südkorea und Japan produzieren zwar viele kritische Roboterkomponenten, doch ein vollständiger Ersatz chinesischer Lieferketten wäre eine immense Herausforderung.
Der Unterschied zwischen Robotern und Drohnen
Ein Vergleich mit dem Drohnenmarkt verdeutlicht die Komplexität der Situation. Der UAS-Markt wird von chinesischen Herstellern dominiert – DJI ist hier das bekannteste Beispiel. Als die FCC im Dezember 2025 UAS auf ihre “Covered List” setzte, traf dies die Branche weitgehend unvorbereitet. “Das Problem beim Drohnenverbot war”, erklärt Chan, “dass man nicht daran dachte, wie man die heimische Produktion hochfahren und dann schrittweise die Abhängigkeit von chinesischen Drohnen reduzieren könnte. Es war ein schneller, harter Wechsel, der die Industrie in eine schwierige Lage brachte.”
Bei Bodenrobotern ist die Situation anders: Die Adoptionsrate ist noch nicht besonders hoch, und die Lieferketten sind noch nicht vollständig ausgereift. Dies könnte paradoxerweise ein Vorteil sein, denn die US-Robotikindustrie hätte Zeit, sich anzupassen und ihre Wettbewerbsfähigkeit aufzubauen, sofern freundlich gesinnte Länder wie Südkorea und Japan chinesische Komponenten ersetzen können.
Überraschende Entwicklungen bei Routern
Die FCC-Entscheidung im März, neue ausländische Router zu verbieten, überraschte die Branche erheblich. Dabei zeigen Daten der Global Electronics Association eine bemerkenswerte Entwicklung: 2025 importierten die USA Router im Wert von fast 31 Milliarden US-Dollar. Doch nur 1,1 Prozent davon stammten aus China – ein dramatischer Rückgang von 20,5 Prozent im Jahr 2019. Die drei größten Lieferanten waren Vietnam, Mexiko und Thailand mit einem kombinierten Marktanteil von 68,4 Prozent.
Shawn DuBravac, Chefökonom der Global Electronics Association, kritisiert die Fokussierung auf Herkunftsländer: “Vieles ist nuancierter, als die regulatorischen Ansätze suggerieren. Die echten Schwachstellen sind veraltete Software, nicht installierte Patches und unveränderte Standardpasswörter.” Die FCC genehmigte im April bedingt bestimmte Netgear- und Adtran-Router sowie Sees.ai-UAS-Systeme – allerdings nur für 18 Monate, was erhebliche Unsicherheit für Hersteller bedeutet.
Chinas Gegenbewegung: Pudu Robotics expandiert
Während die USA ihre Schutzmauern errichten, zeigt die chinesische Robotikindustrie keine Anzeichen von Schwäche. Pudu Robotics, ein führender Hersteller von Servicerobotern, hat kürzlich fast 150 Millionen US-Dollar eingesammelt. Das Unternehmen plant, diese Mittel für die Entwicklung von Embodied AI, die Erweiterung seines Produktportfolios und die globale Expansion über Serviceroboter hinaus in industrielle Anwendungen zu nutzen.
Diese Investition verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Während die USA chinesische Technologie zunehmend aus ihrem Markt ausschließen, bedeutet dies nicht das Ende chinesischer Ambitionen in der Robotik. Vielmehr könnte es zu einer verstärkten Fokussierung auf andere Märkte führen – insbesondere Europa, Asien und den globalen Süden.
Implikationen für die europäische Robotikbranche
Für europäische Hersteller ergeben sich aus dieser Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken. Einerseits könnte die wachsende Skepsis gegenüber chinesischen Robotersystemen auch auf Europa überschwappen, was heimischen Herstellern wie KUKA, ABB oder Universal Robots Marktanteile verschaffen könnte. Andererseits könnten chinesische Unternehmen verstärkt auf den europäischen Markt drängen, um verlorene US-Geschäfte zu kompensieren.
Europa steht vor der Herausforderung, einen eigenen Weg zwischen technologischer Offenheit und Sicherheitsbedenken zu finden. Die Abhängigkeit von asiatischen Komponenten betrifft europäische Hersteller ebenso wie amerikanische. Gleichzeitig ist Europa traditionell stärker in der industriellen Robotik verankert, einem Segment, in dem chinesische Hersteller erst aufholen.
Prozess ohne Dialog
Besonders bemerkenswert an den jüngsten US-Maßnahmen ist die Geschwindigkeit und der Mangel an Branchendialog. Eine Interagency Task Force des Weißen Hauses stellte Sicherheitsrisiken fest, woraufhin die FCC Verbote für UAS und Router ankündigte – ohne die üblichen öffentlichen Anhörungen oder Kommentierungsphasen. “Es gab nicht viel hin und her bei dieser Regelung”, stellt Chan fest.
Auch DuBravac kritisiert diesen Ansatz: “Wenn man ein Problem sieht, öffnet man normalerweise eine Untersuchung, und Interessenvertreter können Input liefern, sodass es sich mehr wie ein wechselseitiges Gespräch anfühlt.” Dieses Vorgehen erzeugt Unsicherheit in einer Branche, die langfristige Planungssicherheit benötigt.
Fehlende Gesamtstrategie
Stephen Ezell von der Information Technology and Innovation Foundation, der grundsätzlich die Sicherheitsüberprüfung chinesischer Technologie befürwortet, kritisiert die inkonsistente Politikgestaltung: “Die USA haben keine ernsthafte, übergreifende Strategie, die ihren Ansatz im technologisch-ökonomischen Wettbewerb mit China leitet.”
Diese Einschätzung trifft einen wunden Punkt. Die bisherigen Maßnahmen erscheinen eher reaktiv als strategisch geplant. Mal werden Komponenten verboten, mal Endprodukte, mal gibt es Ausnahmen, mal nicht. Für Unternehmen, die in globalen Lieferketten operieren, macht dies langfristige Investitionsentscheidungen nahezu unmöglich.
Ausblick: Die Neuordnung der globalen Robotiklandschaft
Die vorgeschlagenen Roboterverbote und die bereits implementierten Maßnahmen deuten auf eine fundamentale Neuordnung der globalen Technologielandschaft hin. Die Tage universeller, integrierter Lieferketten scheinen vorbei. Stattdessen zeichnet sich eine Welt ab, in der technologische Ökosysteme zunehmend entlang geopolitischer Linien fragmentiert werden.
Für die Robotikindustrie bedeutet dies eine Rückkehr zur Komplexität: Hersteller müssen zunehmend verschiedene Produktlinien für verschiedene Märkte entwickeln, Lieferketten diversifizieren und die Herkunft jeder einzelnen Komponente dokumentieren. Dies erhöht Kosten und verlangsamt Innovation – genau das Gegenteil dessen, was eine junge, dynamische Branche braucht.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob dieser Ansatz tatsächlich mehr Sicherheit bringt oder hauptsächlich Ineffizienzen schafft. Sicher ist: Die globale Robotikbranche steht vor ihrer größten Neuordnung seit Jahrzehnten, und die Auswirkungen werden weit über die USA hinaus spürbar sein.