Als Colin Angle vor zwei Jahren als CEO von iRobot zurücktrat, dem Unternehmen, das er mitbegründet hatte und das mit dem Roomba den erfolgreichsten Haushaltsroboter aller Zeiten schuf, war klar: Dieser Mann würde nicht lange stillsitzen. Doch was als nächstes kam, überrascht selbst Branchenkenner. Mit seiner neuen Firma Familiar Machines & Magic (FM&M) wechselt Angle vom rationalen Funktionsroboter zum emotionalen Begleiter – ein Sprung, der technisch und geschäftlich weitaus riskanter sein dürfte als autonomes Staubsaugen.
Vom Staubsauger zum Gefährten
Die Ankündigung ist bewusst vage gehalten, aber die Richtung ist eindeutig: FM&M entwickelt vierbeinige Roboter, die als “physically embodied AI system” konzipiert sind – Maschinen, die wahrnehmen, sich anpassen und auf natürliche Weise mit Menschen interagieren sollen. Der erste Prototyp ähnelt einem stark abstrahierten Bären, bewusst nicht einem Hund oder einer Katze. Diese Designentscheidung folgt der bewährten Strategie von Robotern wie Paro und Pleo: Wer keine direkten Vergleiche zu realen Tieren ziehen kann, bringt weniger Erwartungen mit.
Das Gerät verfügt über 23 Freiheitsgrade, ein berührungsempfindliches Fell, ein Kamerasystem sowie Mikrofon-Arrays und Lautsprecher. Die KI läuft komplett an Bord – ein kleines multimodales Modell, das für soziale Intelligenz optimiert wurde und Vision, Audio, Sprache und Gedächtnis kombiniert. Der Roboter soll sich im Haus bewegen können, dabei sogar bei Spaziergängen im Freien mithalten und aktiv den Kontakt zu seinen Menschen suchen.
Mehr als ein Spielzeug: Der Roboter als Lebenscoach
Was genau soll ein solcher “Familiar” eigentlich tun? Angle positioniert das Gerät als etwas zwischen Haustier und Diensttier – eine Analogie, die durchaus zutreffend ist, aber die Ambition unterschätzt. Der Roboter soll Routinen erkennen, lernen und aktiv darauf hinwirken, dass sein Besitzer gesündere Gewohnheiten entwickelt.
Ein konkretes Beispiel: Der Familiar registriert, wie viel Zeit sein Mensch am Smartphone verbringt. Wird es zu viel, versucht er aktiv, Aufmerksamkeit zu erregen und alternative Aktivitäten vorzuschlagen – etwa einen gemeinsamen Spaziergang. “Die Idee ist, dass man ein Stück Technologie im Haus hat, das einem gegenüber hyperloyale ist, einen kennenlernt, hilft, eine idealisierte Routine zu entwickeln, und dann eine positive Rolle spielt”, erklärt Angle.
Morgan Pope, Creative Director bei FM&M und zuvor bei Disney Research tätig, nennt zwei technische Entwicklungen, die ein solches Projekt überhaupt erst möglich machten: Erstens haben Disneys zweibeinige Roboter gezeigt, dass man mit Reinforcement Learning dynamische Bewegungen über verschiedene Untergründe hinweg realisieren kann, ohne perfekte, teure Hardware zu benötigen. Zweitens – und hier wird es interessant – sei generative KI trotz allem Hype genau das richtige Werkzeug für diese Anwendung, weil sie hervorragend darin sei, “die plausible Annahme von Intelligenz zu erzeugen”.
Die Leichen im Keller der Social Robotics
Wer sich mit der Geschichte sozialer Haushaltsroboter beschäftigt, weiß: Hier liegt ein Friedhof vielversprechender Projekte. Zwischen 2012 und 2019 scheiterten hochfinanzierte Startups wie Anki, Mayfield Robotics und Jibo spektakulär. Das Hauptproblem war stets dasselbe: Die anfängliche Begeisterung verflog schnell, langfristiges Engagement ließ sich nicht aufrechterhalten.
Ein Roboter kann noch so charmant und unterhaltsam sein – wenn nach wenigen Wochen die Neuheit verflogen ist, verstaubt er in der Ecke. Flashy Demos, in denen Robotik traditionell glänzt, sind geradezu kontraproduktiv für ein Produkt, das über Jahre hinweg täglich genutzt werden soll. “Es geht darum, die richtige Erwartung zu schaffen und diese Erwartung zu erfüllen”, sagt Angle. “Familiars leben in deiner Welt und spielen nach deinen Regeln. Wenn du nicht mit ihm abhängst, es streichelst und dich mit ihm beschäftigst, dann haben wir versagt.”
Hier liegt der zentrale Unterschied zu früheren Ansätzen: Der Familiar hat langfristige Ziele, die über bloße soziale Interaktion hinausgehen. Er will seinen Menschen zu einem gesünderen Leben verhelfen – sei es durch das Einläuten gemeinsamer Mahlzeiten, durch Kuscheleinheiten beim Fernsehen oder durch Begrüßungsrituale beim Heimkommen. Innerhalb weniger Tage soll der Roboter seine Rolle im Leben seiner Familie erkannt haben und diese dann kontinuierlich weiterentwickeln.
Bewusster Verzicht auf Sprache
Eine bemerkenswerte Designentscheidung ist der Verzicht auf gesprochene Sprache. Obwohl die KI-Technologie es durchaus ermöglichen würde, verzichtet FM&M darauf, den Familiar sprechen zu lassen. “Ich glaube nicht, dass die Technologie heute existiert, damit KI auf sichere, verantwortungsvolle Weise mit Menschen sprechen kann”, erklärt Angle unmissverständlich.
Stattdessen kommuniziert der Roboter durch Bewegungen, Geräusche, einen schwenkbaren Schwanz, wackelnde Ohren, blinkende Augen und eine Stirnpartie, die Emotionen ausdrücken kann – glücklich, traurig, wütend oder genervt. Hundebesitzer werden das Prinzip sofort verstehen. Die Illusion eines eigenständigen Wesens mit eigener Persönlichkeit und eigenen Bedürfnissen würde durch perfekten Sprachgehorsam zerstört.
Die technische Umsetzung ist dabei alles andere als trivial: Ein kleines multimodales Modell analysiert kontinuierlich Sprach- und Bildinformationen, trainiert auf Geschichten, und generiert auf dieser Basis hochrangige Verhaltensentscheidungen. Diese werden an eine Behavior-Engine weitergereicht, die Verhaltensbäume in Ziele übersetzt und ein durch Reinforcement Learning trainiertes Bewegungsmodell antreibt. Das Ergebnis: Nichts am Verhalten des Familiar ist vollständig deterministisch – er versucht tatsächlich, ein Leben mit eigenen, persönlichkeitsgetriebenen Emotionen zu führen.
Sicherheit auf mehreren Ebenen
Bei einem beweglichen, lernenden Roboter im Wohnbereich ist Sicherheit naturgemäß ein zentrales Thema. FM&M begegnet dem mit mehreren Strategien: Der niedrige Schwerpunkt sorgt dafür, dass der Roboter bei Stromausfall nach unten zusammenklappt statt umzukippen. Gummi, Fell und Polsterung minimieren Verletzungsrisiken. Interessanterweise nutzt das Unternehmen auch emotionale Kommunikation als Sicherheitsfeature: Trägt jemand den Familiar in gefährliche Höhe oder in die Nähe offenen Feuers, zeigt er sichtbare Angst.
Noch wichtiger ist die emotionale Sicherheit. Je besser ein sozialer Roboter emotionale Bindungen aufbaut, desto größer ist seine Verantwortung, diese nicht zu missbrauchen. “Wir nehmen das sehr ernst”, betont Pope. “Wir müssen einer ‘Do No Harm’-Philosophie folgen und sicherstellen, dass wir keine ungesunde Abhängigkeit auslösen oder die Aufmerksamkeit monopolisieren wie es ein Smartphone tut.”
Ein wichtiger Aspekt: Die KI läuft vollständig auf dem Roboter selbst. Keine privaten Daten werden in die Cloud gestreamt. Der Familiar funktioniert auch komplett offline – lediglich neue Features würden dann nicht ankommen.
Die Preisfrage
Die wohl entscheidende Frage bleibt der Preis. Angle spricht von “Kosten in der Größenordnung eines Haustiers” – was je nach Tier zwischen 65 Euro monatlich für eine Katze und etwa 100 Euro für einen Hund bedeuten könnte. Ob das realistisch ist für ein hochkomplexes technisches Gerät mit fortgeschrittener KI, proprietären Aktoren und aufwendiger Sensorik, bleibt abzuwarten. FM&M betont ausdrücklich, dass die aktuelle Ankündigung noch keine Produkteinführung sei. Konkrete Preise und Zeitpläne folgen später.
Ein riskantes, aber nobles Unterfangen
Die Herausforderungen sind enorm. Ein vierbeiniger, KI-gesteuerter Roboter für soziale Interaktion im Haushalt vereint praktisch alle schwierigen Aspekte der modernen Robotik in einem Gerät. Angle ist sich dessen bewusst: “Wissen wir genau, wie es ankommen wird? Nein. Aber glaube ich, dass es funktionieren wird? Absolut.”
Wenn irgendjemand die Erfahrung hat, um die Risiken realistisch einzuschätzen, dann der Mann, der den Roomba zum erfolgreichsten Haushaltsroboter der Geschichte machte. Doch zwischen einem Staubsauger, der einen klar definierten Job erledigt, und einem emotionalen Begleiter, der langfristige Beziehungen aufbauen soll, liegen Welten. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Colin Angle erneut Geschichte schreibt – oder ob der Friedhof der Social Robotics um einen weiteren prominenten Namen reicher wird.