Die physische Barriere zwischen Mensch und Maschine verschwindet zunehmend in modernen Produktionshallen. Während traditionelle Industrieroboter hinter Schutzzäunen ihre repetitiven Aufgaben verrichten, kündigt sich mit zaunlosen Dual-Arm-Robotern eine neue Ära der Mensch-Roboter-Kollaboration an. Mantis Robotics positioniert sich nun mit einem neuartigen System in diesem wachsenden Markt – ein Ansatz, der komplexe Produktionsumgebungen grundlegend verändern könnte.
Zaunlose Automatisierung: Mehr als nur Sicherheitstechnik
Der Launch des Dual-Arm-Roboters von Mantis Robotics ist nicht primär eine technische Innovation im engeren Sinne, sondern vielmehr eine Neuinterpretation dessen, wie Automatisierung in komplexen Umgebungen gedacht werden sollte. Das Versprechen: neue Flexibilität in der Konfiguration von Automatisierungslösungen für reale, oft unvorhersehbare Produktionsszenarien.
Traditionelle Industrieroboter arbeiten in streng definierten Arbeitszellen. Diese räumliche Trennung ist historisch gewachsen – nicht weil die Technologie es zwingend erfordert, sondern weil sie die einfachste Methode war, Sicherheit zu garantieren. Doch diese Lösung hat ihren Preis: eingeschränkte Flexibilität, hoher Platzbedarf und begrenzte Möglichkeiten für spontane Prozessänderungen.
Zaunlose Roboter verfolgen einen anderen Ansatz. Sie verfügen über Sensorik, Kraftregelung und Algorithmen, die es ihnen ermöglichen, in unmittelbarer Nähe von Menschen zu arbeiten, ohne zur Gefahr zu werden. Dies eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die räumliche Organisation von Produktionsumgebungen und die direkte Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.
Dual-Arm-Systeme: Die Komplexität verdoppelt sich
Die Entscheidung von Mantis Robotics für ein Dual-Arm-System ist dabei mehr als eine Verdoppelung der Arbeitsfähigkeit. Zwei Arme ermöglichen grundlegend andere Manipulationsstrategien als einzelne Roboterarme. Aufgaben, die beim Menschen selbstverständlich erscheinen – das Halten eines Werkstücks mit einer Hand, während die andere bearbeitet – stellen für Einzelarm-Roboter oft unüberwindbare Herausforderungen dar.
Aktuelle Entwicklungen in der Robotikforschung zeigen deutlich, wohin die Reise geht. Die Diskussionen auf der IEEE International Conference on Robotics (ICRA) 2026 in Wien verdeutlichten: Die größten Herausforderungen in der Manipulation beginnen erst nach dem ersten Kontakt mit einem Objekt. Was Forscher als “Contact Intelligence” bezeichnen – die Fähigkeit, physische Interaktion zu etablieren, aufrechtzuerhalten und anzupassen – wird zunehmend als entscheidender Faktor erkannt.
Technische Herausforderungen der Kontaktintelligenz
Die Demonstration eines Ballontiers auf der ICRA 2026 illustriert diese Herausforderung eindrücklich. Ein Ballon ist leicht, hochgradig verformbar, rutschig und extrem kraftsensitiv. Jede Drehung verändert seine Geometrie und den Innendruck – eine kontinuierlich sich wandelnde physikalische Interaktionsproblematik.
Menschen navigieren durch diese Veränderungen fast intuitiv. Beim Formen eines Ballontiers denken Menschen selten bewusst über Kraftregulierung, Rutschprävention oder Kontaktstabilität nach. Sie passen sich einfach an. Für Roboter bleiben diese Anpassungen jedoch bemerkenswert schwierig.
Die Herausforderung liegt nicht nur darin, die Finger an die richtigen Positionen zu bewegen. Der schwierigere Teil besteht darin, eine stabile Interaktion aufrechtzuerhalten, während sich das Objekt selbst verändert. Diese Erkenntnis hat weitreichende Implikationen für Dual-Arm-Roboter in Produktionsumgebungen, wo deformierbare Materialien, flexible Komponenten und variable Objekte alltäglich sind.
Sicherheitskonzepte im zaunlosen Betrieb
Die Sicherheit zaunloser Roboter basiert auf mehreren komplementären Prinzipien. Anders als bei traditionellen Robotern, die durch physische Barrieren geschützt werden, müssen kollaborative Systeme aktiv und in Echtzeit ihre Umgebung überwachen und ihr Verhalten entsprechend anpassen.
Moderne Kraft-Drehmoment-Sensoren ermöglichen es Robotern, bereits minimale Kontaktkräfte zu detektieren und darauf zu reagieren. Wenn ein unerwarteter Kontakt registriert wird, kann der Roboter innerhalb von Millisekunden seine Bewegung anpassen oder vollständig stoppen. Doch diese reaktive Sicherheit ist nur eine Ebene.
Präventive Sicherheitskonzepte nutzen Umgebungssensoren – Kameras, Lidar, Radar – um die Anwesenheit von Menschen im Arbeitsbereich zu erkennen, bevor überhaupt ein Kontakt erfolgt. Geschwindigkeiten werden reduziert, Bewegungsbahnen angepasst, riskante Operationen pausiert. Das System antizipiert potenzielle Kollisionen, statt nur auf sie zu reagieren.
Bei Dual-Arm-Robotern potenziert sich diese Komplexität. Zwei unabhängig bewegliche Arme bedeuten eine größere Anzahl möglicher Trajektorien, einen erweiterten Arbeitsraum und komplexere Kollisionsszenarien. Die Koordination beider Arme muss nicht nur die Aufgabe optimieren, sondern auch Sicherheitsanforderungen jederzeit gewährleisten.
Marktpotenzial und Einsatzszenarien
Das Marktpotenzial für zaunlose Dual-Arm-Roboter liegt vor allem in Bereichen, die bisher nur schwer automatisierbar waren. Kleinserienproduktion, häufig wechselnde Produktvarianten, Montage komplexer Baugruppen – all dies sind Szenarien, in denen traditionelle Automatisierung an ihre Grenzen stößt.
In der Elektronikindustrie etwa, wo Komponenten zunehmend miniaturisiert werden und gleichzeitig die Variantenvielfalt steigt, könnten Dual-Arm-Roboter eine Lücke füllen. Die Fähigkeit, ein Bauteil mit einer Hand zu positionieren, während die andere präzise Montagearbeiten durchführt, entspricht natürlichen menschlichen Arbeitsabläufen und lässt sich daher leichter in bestehende Prozesse integrieren.
Auch in der Logistik eröffnen sich Perspektiven. Das Kommissionieren unterschiedlich geformter Objekte, das Verpacken irregulärer Artikel oder die Handhabung flexibler Materialien – Aufgaben, die derzeit noch weitgehend manuell erfolgen – könnten durch geschickte Dual-Arm-Manipulation teilautomatisiert werden.
Entscheidend ist dabei die Flexibilität in der Konfiguration, die Mantis Robotics verspricht. In dynamischen Produktionsumgebungen, wo Layouts häufig angepasst werden müssen, bieten zaunlose Systeme einen erheblichen Vorteil gegenüber fest installierten, eingezäunten Roboterzellen.
Die Konvergenz von Bewegung und Kontakt
Die Entwicklungen in der Robotikforschung zeigen eine klare Richtung: Erfolgreiche Manipulation in der realen Welt erfordert mehr als präzise Bewegungserzeugung. Was Forscher als “Motion Intelligence” bezeichnen – die Fähigkeit, Aktionen zu generieren, bimanuales Verhalten zu koordinieren und erweiterte Manipulationssequenzen unter realer Unsicherheit auszuführen – ist notwendig, aber nicht hinreichend.
Gleichzeitig muss “Contact Intelligence” entwickelt werden: die Fähigkeit, Kraft zu regulieren, Kontaktpunkte anzupassen und auf subtile Veränderungen im Objektzustand zu reagieren. Diese Entscheidungen lassen sich kaum durch explizite Regeln kodieren. Selbst erfahrene menschliche Bediener verlassen sich oft auf taktile Intuition, die durch Erfahrung entwickelt wurde, statt auf bewusst artikulierte Strategien.
Für Dual-Arm-Roboter von Mantis Robotics und anderen Herstellern bedeutet dies: Die Integration fortgeschrittener taktiler Sensorik, schneller Kraftregelung und lernfähiger Algorithmen wird entscheidend sein. Hardware allein reicht nicht aus; die Systeme müssen lernen können, wie Menschen stabile Interaktionen aufrechterhalten, wenn Kontaktbedingungen zu erodieren beginnen.
Ausblick: Jenseits strukturierter Umgebungen
Jahrzehntelang erzielte die Robotik viele ihrer Erfolge, indem sie Unsicherheit reduzierte. Fabriken wurden so konstruiert, dass robotische Bewegung vorhersehbar, wiederholbar und hochgradig strukturiert wurde. Die physische Welt verhält sich anders. Objekte verschieben sich, Materialien deformieren, Reibung ändert sich, Kontakt entwickelt sich weiter.
Die zaunlosen Dual-Arm-Roboter von Mantis Robotics repräsentieren einen Schritt hin zu Systemen, die mit dieser inhärenten Unvorhersehbarkeit umgehen können. Doch der Weg ist noch weit. Die technischen Herausforderungen – robuste Kraftregelung, hochdichte taktile Sensorik, schnelle Regelkreise, sichere Algorithmen – sind erheblich.
Gleichzeitig wächst das Verständnis dafür, dass Intelligenz in der physischen Welt letztlich durch Interaktion gemessen wird. Während die Bewegungserzeugung weiter ausreift, verlagert sich ein wachsender Anteil der Robotikforschung zur Interaktion selbst – zum Verständnis, wie Roboter physischen Kontakt in Umgebungen etablieren, aufrechterhalten und anpassen können, die grundlegend unvorhersehbar bleiben.
Für Roboter, die über strukturierte Umgebungen hinaus in weniger vorhersehbare Einsatzgebiete vordringen, könnte das Management von Kontakt genauso wichtig werden wie die Bewegung selbst. Mantis Robotics betritt mit seinem zaunlosen Dual-Arm-System einen Markt, der genau an dieser Schnittstelle operiert – wo technologische Möglichkeit auf praktischen Bedarf trifft.