Der Machtkampf um die Roboter-Zukunft

Die Szene auf dem Humanoids Summit in Tokio war für viele japanische Ingenieure schmerzhaft: Von den rund 40 ausgestellten humanoiden Robotern stammten drei Viertel aus China. Japanische Unternehmen präsentierten ihre Technologien sogar auf chinesischen Roboterplattformen – eine Situation, die ein japanischer Ingenieur als “traurig” beschrieb. Das Land, das einst die humanoide Robotik erfunden hat, findet sich plötzlich in der Position des Herausforderers wieder.

Diese Verschiebung der Machtverhältnisse ist kein Zufall, sondern das Ergebnis unterschiedlicher strategischer Ausrichtungen, Marktmentalitäten und staatlicher Förderpolitik. Während Japan in den vergangenen Jahrzehnten spektakuläre Technologiedemonstrationen schuf, hat China einen radikal anderen Weg eingeschlagen: Massenproduktion, aggressive Kostenreduktion und schnelle Kommerzialisierung.

Japans verlorener Vorsprung

1973 baute die Waseda-Universität in Tokio WABOT-1, den ersten vollwertigen humanoiden Roboter der Welt. Die Maschine konnte sich langsam auf zwei Beinen fortbewegen, Objekte greifen und einfach kommunizieren. Diese Pionierleistung inspirierte Hondas legendären Asimo, der über zwei Jahrzehnte zum Aushängeschild japanischer Robotik-Exzellenz wurde.

Doch Asimo wurde nie kommerzialisiert. 2022, im selben Jahr als ChatGPT die Welt veränderte, wurde das Projekt eingestellt. Zwei Jahre später brachte das chinesische Unternehmen Unitree seinen G1-Humanoiden für 16.000 US-Dollar auf den Markt – eine Preisgestaltung, die in Japan undenkbar gewesen wäre.

Die japanische Herangehensweise war stark von Science-Fiction beeinflusst und konzentrierte sich auf technologische Perfektion ohne klare praktische Anwendung. Die Roboter waren beeindruckende, aber teure Demonstrationsobjekte, die letztlich eingemottet wurden. “Man kann diese zweibeinigen Systeme in Japan aus Sicherheits- und Compliance-Gründen nicht verkaufen”, erklärt Shuichi Nagao, CTO von Omakase Robotics.

Chinas aggressive Expansion

China verfolgt eine fundamental andere Strategie. Die Regierung treibt die Humanoiden-Entwicklung aktiv voran, junge Ingenieure in ihren Zwanzigern und Dreißigern prägen die Branche mit einer völlig anderen Mentalität. “In China beginnen sie bereits mit der Massenproduktion und senken die Kosten, sodass andere Länder nicht mehr mit ihnen konkurrieren können”, so Nagao.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: China verfügt inzwischen über etwa 2 Millionen operative Industrieroboter – 4,5-mal mehr als Japan. 54 Prozent aller weltweit installierten Roboter im Jahr 2024 wurden in China eingesetzt. Diese industrielle Basis bildet das Fundament für Chinas Vorstoß in die humanoide Robotik.

Auf dem Humanoids Summit zeigten chinesische Unternehmen beeindruckende Fortschritte: Die kinderhohen K1-Maschinen von Booster Robotics aus Peking tanzten zu Michael-Jackson-Liedern, Unitrees G1 demonstrierte vielseitige Fähigkeiten. Videos chinesischer Humanoiden, die Kung-Fu praktizieren, synchronisierte Akrobatik vorführen oder Halbmarathons absolvieren, sind längst keine Überraschung mehr.

Die Erosion japanischer Dominanz

Japans Rückstand beschränkt sich nicht nur auf Humanoide. Auch in der Industrierobotik, einst Japans Domäne, hat das Land massiv an Boden verloren. Von 1994 bis 2009 führte Japan das weltweite Ranking bei der Roboterdichte in der Fertigung an. 2014 fiel es auf Platz zwei, 2019 auf Platz drei, 2024 auf Platz fünf.

Mit einer Roboterdichte von 446 Einheiten pro 10.000 Mitarbeiter liegt Japan weit hinter Südkorea mit 1.220 Einheiten zurück. Ani Kelkar von McKinsey & Company führt diesen Verlust auf “den Aufstieg Chinas als Fertigungsmacht” zurück und ergänzt: “Die Erholung ist noch nicht eingetreten, da Japan die rasante Beschleunigung der KI für Robotik ‘verpasst’ hat und jetzt aufholt.”

Diese Diagnose trifft den Kern des Problems: Japan hat den Übergang von der Hardware-Exzellenz zur KI-gestützten, universell einsetzbaren Robotik nicht rechtzeitig vollzogen.

Europäische Perspektive: Deutsche Erfolge

Während sich Japan und China ihren Wettlauf liefern, zeigen europäische Beispiele wie das Bremer Team B-Human, dass auch kleinere Akteure mit spezifischer Expertise durchaus konkurrenzfähig bleiben können. Der Gewinn der Weltmeisterschaft im RoboCup 2026 in der Human Middle Division unterstreicht, dass technologische Spitzenleistung nicht zwangsläufig mit industrieller Massenproduktion einhergehen muss.

Deutschland hat sich traditionell auf präzise Ingenieurskunst, spezialisierte Anwendungen und hochwertige Komponenten konzentriert – eine Strategie, die Parallelen zu Japans ursprünglichem Ansatz aufweist, aber möglicherweise andere Schwächen birgt.

Strategien für die Zukunft

McKinsey sieht für Japan eine Marktchance von 100 Milliarden US-Dollar im Bereich universeller Robotik. Um diese zu nutzen, muss das Land laut der Beratungsgesellschaft seine Strategie fundamental ändern: weg von der Konzentration auf langsam wachsende Industrieroboter, hin zu KI, Software, Datensammlung und Robotikplattformen.

Tetsuya Ogata von der Waseda-Universität, Direktor des Institute for AI and Robotics, arbeitet an genau dieser Transformation. Über die AI Robot Association (AIRoA), die er leitet, entwickelt seine Organisation gemeinsam mit Toyota und anderen Partnern fundamentale Technologien zur kollaborativen Nutzung.

AIRoA hat bereits 80.000 Stunden Daten über die Fernsteuerung mobiler Manipulatoren gesammelt – vermutlich der größte Datensatz seiner Art weltweit. Diese Daten dienen zur Entwicklung und Verifikation von Vision-Language-Action-Modellen.

Ein neues Paradigma

“Die Welt der KI ist von Natur aus ein Spiel der Skalierung”, erklärt Ogata. “Daher besteht Japans absolute Voraussetzung darin, eine wettbewerbsfähige Baseline an Skalierung zu sichern – bei Daten, Rechenressourcen und Talenten.” Entscheidend sei jedoch ein Mentalitätswechsel: Statt Ressourcen innerhalb einzelner Nationen oder Unternehmen zu horten, müsse man durch Zusammenarbeit mit einem vielfältigen Ökosystem wachsen.

Konkret bedeutet dies, einen “kollaborativen Bereich” zu schaffen, der Daten – den größten Engpass – durch branchenweite Kooperation statt durch Datensilos adressiert. Durch gemeinsame Pflege einer vorwettbewerblichen, geteilten Dateninfrastruktur und eines Grundlagenmodells können einzelne Unternehmen dann mit eigenen Anwendungen darauf konkurrieren.

“Indem wir dieses offene ‘Datenökosystem’ der Welt anbieten, können wir globale Akteure einbinden und einen ‘dritten Pol’ neben den USA und China etablieren”, sagt Ogata. “Ich glaube, so kann Japan seine globale Präsenz zurückgewinnen.”

Die Lehren der Geschichte

Die Warnung aus der Vergangenheit ist eindeutig: 1999 führte Japan die weltweit erste mobile Internetdienst-Plattform ein. Erster zu sein machte Japan jedoch nicht zum Zentrum der Smartphone-Fertigung oder -Entwicklung – heute ist es lediglich Teilezulieferer für Länder, die die Smartphone-Industrie anführen.

Wenn Japan diese Erfahrung nicht wiederholen will, muss es seine ursprünglichen Humanoiden-Visionen erfolgreich deregulieren, diversifizieren und kommerzialisieren. So wie Automobile und Elektronik im letzten Jahrhundert Säulen von Japans Industriestrategie waren, könnten humanoide Roboter zu einem Schlüsselwertgenerator des 21. Jahrhunderts werden.

Der Wettlauf ist noch nicht entschieden. Japan verfügt über tiefgreifendes Robotik-Design und Know-how, eine starke Ingenieurskultur und das Potenzial, humanoide Roboter zu schaffen, die für Handwerkskunst und Zuverlässigkeit stehen – so wie japanische Autos, Elektronik und sogar Toiletten. Es ist ein Erbe, das Japan sich nicht leisten kann aufzugeben. Die Frage ist nur: Wird der Pionier rechtzeitig den Sprung in die neue Ära schaffen?