Als Toshio Fukuda im April diesen Jahres in New York City den Richard M. Emberson Award entgegennahm, bemerkte er mit einem Schmunzeln, wie ungewohnt es für ihn sei, auf der empfangenden Seite eines Preises zu stehen. Jahrzehntelang hatte der japanische Robotikpionier selbst Auszeichnungen überreicht und Zeremonien moderiert. Doch die höchste Auszeichnung des IEEE für technische Verdienste gebührt einem Mann, dessen Forschungsarbeit die moderne Robotik in einer Weise geprägt hat, die heute in unzähligen kommerziellen Anwendungen sichtbar wird.

Vom Bastler zum Robotik-Visionär

Fukudas Weg in die Robotik begann in den Sommerferien seiner Jugend, als er sich selbst beibrachte, Transistorradios und Dampfmaschinen zu bauen. Diese frühe Leidenschaft für praktisches Experimentieren führte ihn zum Ingenieurstudium an der Waseda-Universität in Tokyo, wo er unter Ichiro Kato studierte – einer Schlüsselfigur der japanischen Robotikforschung. Nach seinem Bachelor-Abschluss 1971 erwarb Fukuda seinen Master und seine Promotion an der Universität Tokyo, wobei er auch einen Forschungsaufenthalt an der Yale University absolvierte.

Die Entscheidung für eine akademische Karriere traf Fukuda bewusst: Er verglich Universitätsforscher mit Kleinunternehmern, die eigenständig Mittel beschaffen müssen, um ihre Forschung zu finanzieren. Diese Erkenntnis führte ihn dazu, sich auf Robotik zu konzentrieren – ein Feld, in dem er Technologien entwickeln konnte, die für die Industrie unmittelbar nützlich waren.

CEBOT: Die Revolution der modularen Robotik

Fukudas vermutlich einflussreichste Innovation ist das 1985 vorgestellte CEBOT-System (Cellular Robotic System). Das Konzept basiert auf autonomen Roboterzellen, die wie Lego-Bausteine miteinander verbunden werden können. Jede Zelle ist eine fundamentale modulare Einheit mit eigener Funktion. Bei einer gestellten Aufgabe analysiert das System diese und generiert die erforderliche Struktur des zellulären Manipulators.

Die Zellen können sich durch Verbindungsmechanismen aneinander anheften und voneinander lösen, wodurch sie komplexe Strukturen und Konfigurationen bilden. Fukuda beschrieb diesen Ansatz als verteiltes, selbstorganisierendes und evolutionäres Robotersystem. Ein besonderer Vorteil: Die Fehlertoleranz. Wenn eine Komponente ausfällt, wird sie einfach entfernt und durch eine neue ersetzt – das Gesamtsystem bleibt funktionsfähig.

Heute finden sich CEBOTs in einer Vielzahl von Anwendungen: von der Medikamentenauslieferung in Krankenhäusern über die Unterstützung bei der Pflanzung von Nutzpflanzen bis hin zum Produkttransport in Verteilzentren. Die modulare Architektur hat sich als wegweisend für moderne Schwarmrobotik und rekonfigurierbare Robotersysteme erwiesen.

Brachiation: Von Affenbewegungen lernen

Eine weitere bedeutende Entwicklung sind die 1988 eingeführten Brachiationsroboter, die Fukuda selbst “Affenroboter” nennt. Sie basieren auf der pendelartigen Bewegung von Primaten, die sich von Ast zu Ast schwingen. Diese schwerkraftbasierte Fortbewegung ermöglicht kontinuierliche Bewegung mit hoher Energieeffizienz.

Die praktischen Anwendungen dieser Roboter sind bemerkenswert vielfältig: Sie inspizieren Hochspannungsmasten und Brücken, durchsuchen beschädigte Gebäude nach Überlebenden und führen Wartungsarbeiten an Pipelines und Kabeln durch. Die Fähigkeit, sich an bestehenden Strukturen entlangzuhangeln, macht sie ideal für Umgebungen, die für Menschen gefährlich oder schwer zugänglich sind.

Mikro- und Nanorobotik: Die unsichtbare Revolution

Während seiner fast 25-jährigen Tätigkeit an der Nagoya-Universität entwickelte Fukuda bahnbrechende Technologien im Bereich der Mikro- und Nanorobotik. Als Gründungspräsident des IEEE Nanotechnology Council im Jahr 2002 trieb er die Forschung in einem Bereich voran, der heute besonders in der Medizintechnik enorme Bedeutung hat.

Die Verbindung von Robotik und Nanotechnologie öffnet Türen zu Anwendungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch Science-Fiction waren. Miniaturisierte Robotersysteme können in Blutgefäßen navigieren, gezielte Medikamentenabgabe ermöglichen oder mikrochirurgische Eingriffe unterstützen. Fukudas Pionierarbeit in diesem Bereich legte das Fundament für heutige Entwicklungen in der robotergestützten Chirurgie.

Medizinische Robotersysteme: Vom Labor in den OP

Fukudas Forschung zu biomedizinischen Robotersystemen hat direkte Auswirkungen auf moderne medizinische Anwendungen. Die Konzepte der modularen Robotik, der Schwarmsteuerung und der Mikromechatronik finden sich heute in verschiedenen medizinischen Robotersystemen wieder – von chirurgischen Assistenzsystemen bis zu diagnostischen Werkzeugen.

Die Entwicklung hin zu vollständig robotischen chirurgischen Eingriffen, wie etwa bei Kataraktoperationen, baut auf den Grundlagen auf, die Forscher wie Fukuda gelegt haben. Die Präzision, Wiederholbarkeit und die Möglichkeit, menschliches Zittern zu eliminieren, machen robotergestützte Chirurgie zu einem wachsenden Feld mit enormem Potenzial.

Institutioneller Aufbau und akademisches Erbe

Neben seinen technischen Beiträgen hat Fukuda auch die akademische Infrastruktur der Robotikforschung maßgeblich geprägt. 1988 gründete er die IEEE/RSJ International Conference on Intelligent Robots and Systems (IROS), die heute fast 40 Jahre später eine der größten und renommiertesten Konferenzen auf diesem Gebiet ist. Mit über 9.000 jährlichen Teilnehmern und als einzige Konferenz im Nature Index für dieses Jahr ist IROS ein Beweis für Fukudas weitsichtige Planung.

1996 war er an der Gründung der Fachzeitschrift “IEEE Transactions on Mechatronics” beteiligt, die zu einem wichtigen Publikationsorgan für interdisziplinäre Forschung an der Schnittstelle von Mechanik, Elektronik und Informatik geworden ist.

IEEE-Präsidentschaft während der Pandemie

Als erster Asiate wurde Fukuda 2020 zum IEEE-Präsidenten gewählt – ausgerechnet zu Beginn der COVID-19-Pandemie. Die Reisebeschränkungen zwangen zu einem Umdenken bei Präsenzveranstaltungen und Bildungsprogrammen. Fukuda trieb die Entwicklung der IEEE Learning Network voran, einer Online-Lernplattform, die mit drei Kursen startete und heute fast 2.000 Kurse, Webinare und Lernmaterialien anbietet.

Sein Engagement für Diversität und Inklusion führte zur Entwicklung eines umfassenden DEI-Programms. “IEEE interessiert sich nicht dafür, wer du bist, was du tust, aus welchem Land du kommst oder ob du männlich oder weiblich bist”, betont Fukuda. “IEEE akzeptiert Menschen, die Energie und Leidenschaft haben.”

Ausblick: Das Erbe eines Pioniers

Mit über 2.000 Forschungsarbeiten und mehreren Büchern gehört Toshio Fukuda zu den produktivsten Wissenschaftlern der Robotik. Seine Arbeit als Programmdirektor des japanischen Moonshot-Programms, das bis 2050 fortschrittliche KI-Roboter entwickeln will, zeigt, dass er auch mit über 70 Jahren die Zukunft mitgestaltet.

Die Konzepte, die Fukuda entwickelt hat – modulare Robotik, Schwarmsteuerung, Mikro- und Nanorobotik – sind heute keine Laborexperimente mehr, sondern finden sich in kommerziellen Produkten und praktischen Anwendungen wieder. Von autonomen Lagerhäusern über medizinische Geräte bis hin zu Inspektionsrobotern: Fukudas Visionen sind zur Realität geworden. Seine Auszeichnung mit dem Richard M. Emberson Award würdigt nicht nur vergangene Leistungen, sondern ein fortdauerndes Vermächtnis, das die Robotik noch für Jahrzehnte prägen wird.