Der verlorene Vorsprung

Als Professor Hiroshi Ishiguro im Jahr 2006 seinen mechanischen Doppelgänger präsentierte, war die Welt fasziniert. Der Geminoid HI-1, ein Android, der seinem Schöpfer bis ins Detail glich, verkörperte Japans unangefochtene Führungsrolle bei humanoiden Robotern. Auf dem kürzlich in Tokio abgehaltenen Humanoids Summit saß nun die sechste Generation dieses Roboters auf der Bühne – ausgestattet mit einem auf Ishiguros eigenen Texten trainierten Sprachmodell, fähig zu tiefgründigen Gesprächen. Doch Geminoid HI-6 war eine der wenigen japanischen Maschinen unter etwa 40 ausgestellten Robotern. Chinesische Systeme überwogen im Verhältnis drei zu eins. Einige japanische Firmen demonstrierten ihre Technologien sogar mit chinesischen Robotern – eine Entwicklung, die ein japanischer Ingenieur schlicht als “traurig” bezeichnete.

Diese Szene offenbart eine bemerkenswerte Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse in der Robotik. Japan, das Land, das 1973 mit WABOT-1 von der Waseda-Universität den weltweit ersten vollwertigen humanoiden Roboter schuf, hat seinen Vorsprung eingebüßt. Während japanische Pioniere wie Honda mit Asimo technologische Meilensteine setzten, sind es heute chinesische Unternehmen, die den Markt dominieren – nicht nur technologisch, sondern vor allem wirtschaftlich und in der Geschwindigkeit der Kommerzialisierung.

Von der Pionierleistung zur Stagnation

Die Geschichte der japanischen Humanoid-Robotik liest sich zunächst wie eine Erfolgsgeschichte. Nach WABOT-1 folgten bahnbrechende Entwicklungen: Hondas Asimo konnte bereits vor 25 Jahren laufen, Treppen steigen und sogar Fußball spielen. Diese Roboter waren technologische Wunderwerke, die weltweit Aufsehen erregten. Doch genau hier liegt das Problem – sie waren vor allem das: Wunderwerke und Technologiedemonstrationen.

Japanische Unternehmen investierten Jahrzehnte in die Entwicklung hochkomplexer humanoider Systeme, ohne dabei den Weg zur praktischen Anwendung konsequent zu verfolgen. Stark beeinflusst von Science-Fiction-Visionen und dem kulturellen Ideal des perfekten Roboters, entstanden beeindruckende, aber unwirtschaftliche Maschinen. Asimo wurde 2022 eingestellt – ausgerechnet im Jahr der ChatGPT-Veröffentlichung, die eine neue Ära der KI-Integration einläutete. Zwei Jahre später kam Unitrees G1-Humanoid für 16.000 US-Dollar auf den Markt.

Der Niedergang zeigt sich auch in harten Zahlen. Während Japan von 1994 bis 2009 die weltweite Spitzenposition bei der Roboterdichte in der Fertigung (Anzahl der Mehrzweck-Industrieroboter pro 10.000 Mitarbeiter) innehatte, rutschte das Land auf Platz fünf im Jahr 2024 ab. Südkorea führt nun mit einer Roboterdichte von 1.220, verglichen mit Japans 446. China betreibt mittlerweile rund zwei Millionen Industrieroboter – etwa 4,5-mal mehr als Japan. 54 Prozent aller 2024 weltweit installierten Roboter wurden in China eingesetzt.

Chinas Turbo-Entwicklung

Was macht China anders? Die Antwort liegt in einer Kombination aus staatlicher Förderung, unternehmerischer Dynamik und einer fundamental anderen Herangehensweise. Shuichi Nagao, CTO von Omakase Robotics und häufiger China-Besucher, beobachtet: “In China treibt die Regierung die Humanoid-Entwicklung voran. Vor 20 Jahren gab es dort keine Industrie. Die Menschen, die das pushen, sind jung, in ihren Zwanzigern und Dreißigern. Das ist eine völlig andere Mentalität.”

Während große japanische Unternehmen noch nach Anwendungsfällen für Humanoide suchen, sind chinesische Firmen bereits in der Massenproduktion und treiben die Kosten nach unten. Unternehmen wie Unitree Robotics aus Hangzhou oder Booster Robotics aus Peking demonstrieren auf internationalen Messen nicht nur technische Fähigkeiten – ihre Roboter tanzen zu Michael Jackson, führen Kung-Fu-Bewegungen aus und absolvieren sogar Halbmarathons. Diese medienwirksamen Demonstrationen sind mehr als Show: Sie beweisen Zuverlässigkeit und Vielseitigkeit unter realen Bedingungen.

Ein weiterer Faktor ist die regulatorische Flexibilität. Wie Nagao erklärt, können bestimmte zweibeinige Systeme in Japan aus Sicherheits- und Compliance-Gründen gar nicht verkauft werden. China hingegen ermöglicht schnellere Iterationszyklen und praktische Tests, die das Lernen beschleunigen.

Die japanische Antwort: Zusammenarbeit und Dateninfrastruktur

Trotz des Rückstands gibt es Hoffnung und konkrete Strategien. Tetsuya Ogata, Professor für Ingenieurwissenschaften und Direktor des Institute for AI and Robotics an der Waseda-Universität, arbeitet mit der von ihm geleiteten gemeinnützigen AI Robot Association (AIRoA) an grundlegenden Technologien für gemeinschaftliche Nutzung. Zusammen mit Toyota und anderen Partnern hat AIRoA etwa 80.000 Stunden an Daten zur Fernsteuerung mobiler Manipulatoren gesammelt – vermutlich der größte Datensatz dieser Art weltweit.

“Die Welt der KI ist von Natur aus ein Spiel der Größenordnung”, erklärt Ogata. “Japans absolute Voraussetzung ist es, eine wettbewerbsfähige Baseline in puncto Größe zu sichern – bei Daten, Rechenressourcen und Talenten.” Doch entscheidender sei ein Mentalitätswandel: Statt zu versuchen, Größenvorteile innerhalb einer Nation oder eines Unternehmens zu horten, müsse man durch Zusammenarbeit mit einem vielfältigen Ökosystem wachsen.

Die Strategie zielt darauf ab, Daten – den größten Engpass – durch branchenweite Kooperation statt durch Datensilos anzugehen. Durch eine gemeinsame, präkompetitive Dateninfrastruktur und Grundlagenmodelle können Unternehmen dann auf dieser Basis konkurrieren. “Indem wir dieses offene Daten-Ökosystem der Welt anbieten, können wir globale Akteure einbinden und einen dritten Pol neben den USA und China etablieren”, so Ogata.

McKinsey-Partner Ani Kelkar sieht für Japan eine 100-Milliarden-Dollar-Chance in der Allzweck-Robotik. Der Schlüssel liege darin, nicht auf den langsameren Industrieroboter-Markt zu setzen, sondern auf vielseitige Systeme. Japan verfüge über viel Hardware- und Technologieerfahrung, müsse aber seine Strategie ändern, um größere Marktanteile bei KI, Software, Datensammlung und Robotik-Plattformen zu erobern.

Globaler Wettbewerb intensiviert sich

Die Dynamik im Humanoid-Sektor wird auch durch massive Investitionen aus unerwarteten Regionen befeuert. Das britische Unternehmen Humanoid sicherte sich kürzlich 152 Millionen US-Dollar in einer Serie-A-Finanzierung und erreichte damit eine Bewertung von 1,35 Milliarden Dollar. Dies zeigt, dass nicht nur China und Japan um die Vorherrschaft kämpfen, sondern ein globales Rennen im Gange ist.

Praktische Anwendungen nehmen zu: GMO AI & Robotics, eine Tochtergesellschaft des japanischen Internetunternehmens GMO, nutzt chinesische G1-Roboter in Partnerschaft mit Japan Airlines zum Be- und Entladen von Frachtcontainern am Tokioter Flughafen Haneda. Dass chinesische Maschinen so tief in Japans Ökosystem vorgedrungen sind, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Der Weg nach vorn

Japan steht vor der Herausforderung, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Das Land führte 1999 die weltweit erste mobile Internet-Plattform ein, wurde aber nie zum Zentrum der Smartphone-Herstellung oder -Entwicklung – heute ist es lediglich Teilelieferant. Diese Lektion ist schmerzhaft, aber lehrreich.

Um bei Humanoiden nicht dasselbe Schicksal zu erleiden, muss Japan deregulieren, diversifizieren und seine ursprünglichen Visionen kommerzialisieren. Wenn das gelingt, könnte das Land nicht nur wirtschaftlich profitieren, sondern auch maßgeblich die Entwicklungsrichtung der Branche beeinflussen. So wie japanische Autos, Elektronik und sogar Toiletten für Handwerkskunst und Zuverlässigkeit stehen, könnten auch japanische Humanoide zu einem Qualitätssiegel werden.

Die technologische Expertise ist vorhanden. Die Hardware-Kompetenz ist da. Was fehlt, ist die Geschwindigkeit der Kommerzialisierung und eine offenere, kooperativere Innovationskultur. Tetsuya Ogatas Vision eines “dritten Pols” könnte der Schlüssel sein – ein japanischer Ansatz, der weder die protektionistische Abschottung noch das reine Kostenrennen sucht, sondern auf offene Standards, geteilte Dateninfrastruktur und internationale Zusammenarbeit setzt.

Das Rennen ist nicht verloren, aber die Zeit drängt. Humanoide Roboter werden in den kommenden Jahren zunehmend in Fabriken, Lagerhallen, im Gesundheitswesen und vielleicht sogar in Privathaushalten Einzug halten. Wer die Standards setzt und die Plattformen kontrolliert, wird die wirtschaftlichen Früchte ernten. Japan hat die Grundlagen gelegt – nun muss es beweisen, dass Pionierarbeit allein nicht ausreicht, wenn man nicht auch den Mut zur Transformation aufbringt.