Die amerikanische Federal Communications Commission (FCC) hat Ende Juli eine weitreichende Entscheidung getroffen, die die globale Robotik-Industrie in ihren Grundfesten erschüttern könnte: Mobile, kommunikationsfähige Roboter mit einem Gewicht über zwei Kilogramm aus ausländischer Produktion dürfen nicht mehr ohne spezielle Genehmigung in die USA importiert werden. Offiziell richtet sich die Maßnahme gegen alle ausländischen Hersteller – in der Praxis zielt sie jedoch klar auf chinesische Unternehmen ab, die den Weltmarkt für humanoide Roboter und Roboterhunde dominieren. Was zunächst wie eine protektionistische US-Maßnahme erscheint, hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Robotik-Branche, einschließlich europäischer Hersteller.

Die “Covered List” und ihre neue Dimension

Die FCC-Entscheidung erweitert die sogenannte “Covered List”, die ursprünglich 2021 eingeführt wurde, um Kommunikationsgeräte und Dienste zu identifizieren, die nach Einschätzung der US-Behörden ein Risiko für die nationale Sicherheit darstellen. Nun wurden mobile Roboter und Wechselrichter für Solarpanels in diese Liste aufgenommen – eine vom Verteidigungsministerium vorangetriebene Ausweitung der Bemühungen, die Abhängigkeit von potenziell sensibler chinesischer Technologie zu reduzieren.

Die Definition dessen, was als “fortgeschrittenes Robotersystem” gilt, ist dabei durchaus spezifisch: Es muss sich um mobile Systeme handeln, die Sensorik und Kommunikationsfähigkeiten integrieren und über ein gewisses Maß an Autonomie verfügen. Drohnen sind von der Regelung ausgenommen – sie durchliefen bereits früher ihre eigene Regulierungsrunde. Ebenfalls ausgenommen sind vernetzte Fahrzeuge, Medizingeräte und Systeme unter zwei Kilogramm. Eine weitere bemerkenswerte Lücke: Roboter, die mit weniger als 200 Kilobit pro Sekunde kommunizieren, fallen nicht unter die Regelung – was einige kreative Umgehungsmöglichkeiten eröffnen könnte.

Wichtig ist auch: Die Regelung gilt nur für neue Geräte. Bereits zertifizierte Produkte dürfen weiterhin verkauft und genutzt werden, was bestehenden Nutzern zumindest eine Übergangsfrist verschafft.

Cybersecurity-Risiken oder wirtschaftlicher Protektionismus?

Die offizielle Begründung der US-Regierung stützt sich auf zwei Hauptargumente: Erstens seien mobile Roboter sowohl für die Wirtschaft als auch für das Militär von erheblicher Bedeutung, weshalb die USA eine eigene Lieferkette und industrielle Basis benötigen würden, statt sich auf ausländische Hersteller zu verlassen. Zweitens überwachen mobile Roboter kritische Infrastruktur an sensiblen Standorten, was sie zu einem Sicherheitsrisiko macht.

In der Begründung des Verteidigungsministeriums wird explizit auf eine Analyse von IEEE Spectrum verwiesen, die eine kritische Sicherheitslücke in Robotern des chinesischen Herstellers Unitree aufdeckte. Weitere Berichte über chinesische Robotertechnologie werden als Beleg für die Bedrohungslage angeführt. Trotz der wiederholten Beteuerung der FCC, die Maßnahme sei “länderneutral” und “nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet”, bestätigten US-Sicherheitsquellen gegenüber IEEE Spectrum, dass die wahrgenommene Bedrohung offensichtlich von China ausgeht.

Das chinesische Handelsministerium reagierte prompt und deutlich: “Oberflächlich betrachtet schwenken die FCC-Maßnahmen das Banner der ‘Nicht-Diskriminierung’, doch in der Substanz diskriminieren und unterdrücken sie chinesische Unternehmen und Produkte.” China kündigte an, die legitimen Rechte chinesischer Unternehmen entschieden zu verteidigen.

Der steinige Weg zur Zulassung

Für ausländische Hersteller, die ihre fortgeschrittenen Robotersysteme weiterhin in den USA verkaufen wollen, hat die FCC einen aufwendigen Genehmigungsprozess etabliert. Antragsteller müssen unter anderem “einen detaillierten, zeitgebundenen Plan zur Etablierung oder Ausweitung der Fertigung in den USA” vorlegen. Anträge müssen bis zum 1. Januar 2028 beim Verteidigungsministerium und der FCC eingereicht werden – eine Frist, die für alle, die später noch fortgeschrittene Robotersysteme entwickeln wollen, problematisch werden könnte.

Der Genehmigungsprozess umfasst eine nationale Sicherheitsüberprüfung durch das Verteidigungsministerium oder das Heimatschutzministerium, die Offenlegung der wirtschaftlich Berechtigten des Unternehmens, eine Analyse der Lieferkettenrisiken und die Zusage, eine signifikante Fertigungspräsenz in den USA aufzubauen. Dies stellt insbesondere für mittelständische europäische Hersteller eine erhebliche Hürde dar.

Europäische Perspektiven und Strategien

Besonders interessant ist die Reaktion des Schweizer Quadruped-Herstellers ANYbotics. Philipp Frey, Vice President of Strategy bei ANYbotics, betont, dass ihre Unternehmenskunden in den USA “Roboter zunehmend nach langfristiger Zuverlässigkeit, Cybersecurity, Software-Fähigkeiten, Sicherheitszertifizierung, Wartbarkeit und Ökosystem-Integration bewerten, nicht allein nach Hardware-Kosten.” Das Unternehmen plant, eine bedingte Zulassung für zukünftige Produkte zu beantragen.

Diese Haltung spiegelt eine gewisse Zuversicht europäischer Hersteller wider, die sich durch Qualität, Service und Zuverlässigkeit von chinesischen Konkurrenten abheben wollen. Allerdings bleibt die Frage, ob dieser Ansatz angesichts der erheblichen Preisunterschiede auf Dauer trägt – und ob nicht auch europäische Hersteller von chinesischen Zulieferern abhängig sind.

Tatsächlich produziert China nicht nur einen Großteil der fertigen Roboter, sondern auch viele Komponenten, die selbst in den USA assemblierten Robotern verbaut werden. Diese Abhängigkeit gibt China erhebliche Verhandlungsmacht in künftigen Auseinandersetzungen – bis US-Robotikfirmen ihre Lieferketten weiter diversifizieren.

Gespaltene Reaktionen der Industrie

Die Reaktionen aus der Robotik-Branche fallen höchst unterschiedlich aus. Brendan Schulman, Vice President of Policy bei Boston Dynamics, begrüßte das Verbot enthusiastisch und sieht darin “nur die erste Runde in einer Serie von Maßnahmen, die den Erfolg und das Wachstum der Industrie für Jahrzehnte definieren werden.”

Gavin Kenneally, CEO des US-Quadruped-Herstellers Ghost Robotics, formuliert die Bedenken noch expliziter: “Aktive und gezielte Spyware wird in den USA auf chinesischen Robotern eingesetzt. Es gibt zahlreiche Beispiele für Preisdumping. Und dies ist nicht nur ein Wettbewerb zwischen US- und chinesischen Robotikfirmen, sondern zwischen privaten US-Unternehmen und Chinas koordinierter nationaler Strategie.”

Nic Radford, CEO des US-Humanoid-Herstellers Persona, zeigt sich gelassener: Amerikanische Kunden “müssen wissen, dass sie die Technologie prüfen können, schnell Support erhalten und das System ohne Abhängigkeit von einer fragilen Übersee-Lieferkette betreiben können.” Seiner Einschätzung nach hätten manche Kunden chinesische Humanoide ohnehin nicht gewollt.

Kritik am pauschalen Ansatz

Nicht alle Experten halten einen branchenweiten Bann für den besten Weg, Bedrohungen abzuwehren. Kyle Chan von der Brookings Institution bezeichnete amerikanische Ansätze zu chinesischen Technologie-Sicherheitsrisiken als “ad hoc und fragmentiert”. Er forderte eine Zentralisierung der Informationssammlung und Entscheidungsfindung beim Bureau of Industry and Security, Teil des Handelsministeriums.

Chan plädiert für bessere Mechanismen zur öffentlichen Mitsprache und einen kontinuierlichen, proportionalen Prozess, der gezielte Importbeschränkungen als Reaktion auf klar definierte Risiken verschärft oder lockert. Dies würde der amerikanischen Industrie ermöglichen, weiterhin von Partnerschaften mit chinesischen Herstellern in weniger sensiblen Bereichen der Lieferkette zu profitieren. Pauschale Verbote könnten es dagegen “amerikanischen Startups und Forschern erschweren, neue Software zu entwickeln, und letztlich Innovation im gesamten US-Robotik-Ökosystem verlangsamen.”

Ausblick: Technologische Souveränität als globaler Trend

Das US-Importverbot ist mehr als eine protektionistische Einzelmaßnahme – es markiert einen grundlegenden Wandel im Umgang mit kritischen Technologien. Die Frage nach technologischer Souveränität stellt sich zunehmend auch in Europa. Während die USA mit harten Bandagen gegen chinesische Dominanz kämpfen, müssen europäische Hersteller und politische Entscheidungsträger ihre eigene Position definieren.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die USA tatsächlich eine leistungsfähige eigene Robotik-Industrie aufbauen können oder ob das Verbot vor allem Innovation hemmt und Kunden auf teurere Alternativen zwingt. Für europäische Hersteller wie ANYbotics eröffnen sich Chancen, sich als vertrauenswürdige Alternative zwischen amerikanischer und chinesischer Technologie zu positionieren. Die Bewährungsprobe wird sein, ob sie diese Rolle mit wettbewerbsfähigen Produkten und Preisen ausfüllen können – und ob Europa bereit ist, seine eigene Robotik-Industrie strategisch zu stärken.